Fraktionserklärung der Grünen Kreistagsfraktion zur Entscheidung über die stationäre Gesundheitsversorgung im Bodenseekreis

Christine Heimpel

Hier fin­det ihr unse­re Fraktionserklärung, wie immer am Ende derSeite als PDF zum download.

Kreistagssitzung 13. Mai 2026 MCB (Auswahl stra­te­gi­scher Partner)

Sehr geehr­ter Herr Landrat, sehr geehr­ter Herr Keckeisen, sehr geehr­te Damen und Herren der Verwaltung, sehr geehr­ter Herr Dr. Gruber und Herr Hacker, sehr geehr­te Mitglieder der Verhandlungsteams OSK und AMEOS, sehr geehr­te Vertreter:innen der Presse, lie­be Kolleginnen und Kollegen, Bürgerinnen und Bürger, vor allem aber: sehr geehr­te Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Medizin Campus Bodensee, 

Wir ent­schei­den heu­te nicht ein­fach über einen Krankenhausbetreiber.

Wir ent­schei­den dar­über, wie die sta­tio­nä­re Gesundheitsversorgung im Bodenseekreis zukunfts­si­cher orga­ni­siert wer­den soll. Genau das ist unser gesetz­li­cher Auftrag – nicht die Übernahme einer insol­ven­ten Klinik im Status quo ihres bis­he­ri­gen Leistungsangebotes, son­dern die Frage, wel­che Struktur lang­fris­tig geeig­net ist, Versorgung zu sichern.

Zunächst möch­ten wir aus­drück­lich auch der Stadt Friedrichshafen und der Zeppelin-Stiftung dan­ken. Trotz des nach­voll­zieh­ba­ren Entschlusses, die eige­ne Trägerschaft zu been­den, über­neh­men Stadt und Stiftung mit ihren Unterstützungsleistungen für Transformation, Medizintechnik, Klinikneubau und Grundstück wei­ter­hin Verantwortung für die Gesundheitsversorgung in unse­rer Region. Gerade nach den schwie­ri­gen Diskussionen der ver­gan­ge­nen Jahre ver­dient das Anerkennung.

Nun zu den mög­li­chen stra­te­gi­schen Partnern bzw. Bietern:

Beide ver­blie­be­nen –sehr unter­schied­li­chen – Angebote sind ernst­zu­neh­men­de Angebote. Beide Konzepte haben Stärken. Beide Konzepte haben Risiken. Und kei­ner von uns kann heu­te mit letz­ter Sicherheit vor­her­sa­gen, wel­ches Modell sich in zehn oder fünf­zehn Jahren als das bes­se­re her­aus­stel­len wird.

Denn wir befin­den uns mit­ten in einer Gesundheits- und Krankenhausreform, deren kon­kre­te Auswirkungen jetzt noch nicht voll­stän­dig abseh­bar sind. Leistungsgruppen, Finanzierungssysteme und Strukturvorgaben ver­än­dern sich fort­lau­fend. Regierungen wech­seln und schär­fen ggfs. nach und man­cher Veränderungsbedarf zeigt sich tat­säch­lich erst in der kon­kre­ten Umsetzung. Wir ent­schei­den also nicht unter Laborbedingungen. Wir ent­schei­den unter Unsicherheit eines Feldexperiments, wo wir mög­li­cher­wei­se rele­van­te Parameter noch gar nicht kennen.

Aber: Wir haben uns über Monate inten­siv mit die­ser kom­ple­xen Materie beschäf­tigt. Wir wur­den her­vor­ra­gend bera­ten – juris­tisch wie fach­lich. Unser aus­drück­li­cher Dank gilt den betei­lig­ten Beratern, die uns jeder­zeit Rede und Antwort gestan­den und die zahl­rei­chen Nachfragen stets aus­führ­lich und gedul­dig beant­wor­tet haben. Und natür­lich unse­rer Verwaltungsspitze, die gefühlt ohne Unterbrechungen die bes­te Lösung für den Landkreis UND für die Versorgung der Bürger:innen aus­zu­han­deln ver­sucht hat.

Ja, die Beratungen haben lan­ge gedau­ert. Ja, vie­le Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie vie­le Bürgerinnen und Bürger haben die­se Zeit als belas­tend emp­fun­den. Diesen Unmut muss­ten wir aus­hal­ten – die­se Zeit war aber auf­grund der Komplexität der Aufgabe notwendig.

Und des­halb tref­fen wir heu­te viel­leicht nicht garan­tiert die rich­ti­ge Entscheidung – aber wir tref­fen zumin­dest eine infor­mier­te Entscheidung.

Die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen ist am Ende die­ses Prozesses mehr­heit­lich zu einer kla­ren Präferenz für die OSK- bezie­hungs­wei­se zukünf­ti­ge OBK-Lösung gekom­men und wird die­sem Modell zustimmen.

Warum?

Weil wir über­zeugt sind, dass die Herausforderungen der kom­men­den Krankenhauslandschaft nur noch in grö­ße­ren, über­re­gio­na­len Verbünden sinn­voll bewäl­tigt wer­den können.

Die Krankenhausreform ver­folgt aus­drück­lich das Ziel, Doppelstrukturen abzu­bau­en, Leistungen zu bün­deln und Versorgung groß­räu­mi­ger zu pla­nen. Genau die­se Entwicklung sehen wir im Zusammenschluss mit Ravensburg wesent­lich bes­ser abge­bil­det als in einem fort­be­stehen­den Konkurrenzmodell zwei­er grö­ße­rer Häuser (Level II) in unmit­tel­ba­rer Nachbarschaft.

Die Konkurrenz zwi­schen MCB und OSK hat auch in der Vergangenheit nicht dazu geführt, dass bei­de Häuser stär­ker gewor­den sind. Im Gegenteil: Sie hat mit dazu bei­getra­gen, dass bei­de wirt­schaft­lich unter Druck gera­ten sind.

Das OSK-Modell schafft erst­mals die Chance auf einen ech­ten Gesundheitsverbund über Landkreisgrenzen hin­weg. Das ent­spricht dem poli­ti­schen Willen der Krankenhausreform. Es soll ein­fach nicht mehr jedes KH alles anbie­ten. Best Practice Modelle gibt es in ande­ren Ländern, die zei­gen, dass die­se Strategie rich­tig ist – min­des­tens kei­ne Verschlechterung der Versorgungsqualität darstellt. 

Wenig kon­struk­tiv war im Zuge der Verhandlungen die Mythenbildung zum Thema ‚Leistungsgruppen‘ (z.B. ‚wur­de nicht mehr vom med. Dienst geneh­migt‘, ‚die­se LG wer­den die nicht mehr bekom­men‘ etc.). An die­ser Stelle greift genau das Problem, dass wir mit­ten im Prozess der Reform sind und der Medizinische Dienst (wenn er denn schon geprüft hat) ledig­lich die Struktur-Voraussetzungen und Qualität prüft. Aber am Ende ent­schei­det die Politik bzw. das Land über die Krankenhausplanung, also aus der Perspektive der Bedarfsgerechtigkeit und lang­fris­ti­gen Entwicklung.

Ein wei­te­rer Punkt für die OBK-Lösung ist für uns das Konzept für Tettnang. OBK plant dort zumin­dest eine ambu­lan­te Anschlussnutzung mit MVZ-Strukturen und ambu­lan­ten Operationen. Das unter­stütz das Modell der inte­grier­ten Versorgung, denkt also über das Stationäre hin­aus, sorgt für Vernetzung zwi­schen ambu­lan­ten und sta­tio­nä­ren Strukturen und berück­sich­tigt bzw. bringt sich stra­te­gisch in Position für die noch lan­ge nicht been­de­te Ambulantisierung von Leistungsgruppen.

Deshalb ist es ein zen­tra­ler Aspekt für uns, dass der Bodenseekreis im OBK-Modell ein­ge­bun­den bleibt und wei­ter­hin Einfluss auf stra­te­gi­sche Entwicklungen neh­men kann, weil ein sys­te­mi­scher Ansatz not­wen­dig ist: Gesundheitspolitik erschöpft sich nicht in der Frage der sta­tio­nä­ren Versorgung. Die gesam­te Versorgungskette muss im Blick behal­ten wer­den. Dazu gehört neben der ambu­lan­ten Versorgung eben­so eine leis­tungs­fä­hi­ge Notfallversorgung – ein­schließ­lich der ent­spre­chen­den Ausstattung und Struktur unse­rer Rettungsdienste. Und dazu gehört auch die Frage der Erreichbarkeit – die Orte der Versorgung müs­sen bar­rie­re­frei, bezahl­bar und in ange­mes­se­ner Zeit von Patient:innen und Besucher:innen erreich­bar sein. Eine gute med. Versorgung lässt sich zukünf­tig eher nicht mehr an der Zahl sta­tio­nä­rer Betten mes­sen und umfasst typi­sche kom­mu­na­le Aufgaben wie eben ein gutes Mobilitätskonzept.

Aber natür­lich sehen wir auch die Kehrseite der kom­mu­na­len Lösung.

Denn die OBK-Variante bedeu­tet nicht nur Gestaltungsmöglichkeiten, son­dern auch dau­er­haf­te Mitverantwortung und erheb­li­che Risiken, v.a. im Bereich der Verlustübernahmen, hohen Investitionsbedarfen, Neubaurisiken und Instandhaltungsrisiken.

Das ist kein sau­be­rer „Exit“.

Und wir müs­sen ehr­lich sagen:

Kommunale Krankenhausführung steht deutsch­land­weit mas­siv unter Druck. Viele Häuser kämp­fen mit lang­sa­men Entscheidungswegen, poli­ti­scher Einflussnahme, man­geln­der Investitionskraft und Führungskonflikten.

Und genau aus einer sol­chen Krise kom­men wir gera­de selbst.

Deshalb ist die Frage abso­lut berech­tigt: Warum soll­te es künf­tig bes­ser funktionieren?

Deshalb wäre es fatal, im kom­mu­na­len Modell ein­fach so wei­ter­zu­ma­chen wie bisher.

Unser Anspruch muss sein, die Fehler der Vergangenheit auf­zu­ar­bei­ten. Transparenz, pro­fes­sio­nel­le Strukturen und eine Kultur, in der Kritik ernst genom­men wird, sind unver­zicht­bar. In die­sem Zusammenhang möch­ten wir heu­te auch dar­an erin­nern, dass die­ses Versagen einen Menschen (Oberärztin Dr. Elke Küßner) so ver­zwei­feln ließ, dass sie nicht mehr leben woll­te! So etwas hät­te nie­mals gesche­hen dür­fen und darf nie wie­der gesche­hen! Die Vorwürfe, die sie erho­ben hat, die Debatten über Missstände und der Umgang mit Kritik haben das Vertrauen vie­ler Menschen in das Klinikum schwer beschä­digt. Die sin­ken­den Fallzahlen waren auch Ausdruck die­ser Vertrauenskrise. 

Im neu­en Aufsichtsrat soll­ten also Fachleute sit­zen, die­se soll­ten sich sowohl mit Unternehmensführung aus­ken­nen und einen Blick auf die Effizienz haben (auch Gewinne sind nicht ver­bo­ten), aber auch Expertise in Organisationsentwicklung mit­brin­gen. Das OBK braucht eine Geschäftsführung, die in der Lage ist, den gesam­ten Umstrukturierungsprozess medi­zi­nisch und öko­no­misch, aber auch unter Mitnahme mög­lichst aller Beschäftigten (vom Reinigungspersonal bis zu den Chefärzt:innen) durchzuführen.

Hier (bei pro­fes­sio­nel­len Managementstrukturen und kla­rer Führungsverantwortung) lie­gen aus unse­rer Sicht die Stärken des AMEOS-Konzeptes, das eben­falls Respekt ver­dient: Es wäre falsch, die­ses Angebot schlecht­zu­re­den, um unse­re Entscheidung zu begründen.

AMEOS über­nimmt. Punkt. Keine kom­mu­na­len Mischzuständigkeiten, kei­ne kom­pli­zier­ten poli­ti­schen Abstimmungen zwi­schen zwei Landkreisen. Das kann ope­ra­tiv ein ech­ter Vorteil sein. Der Landkreis soll Versorgung sicher­stel­len – muss aber nicht selbst Klinikmanager werden.

Die zen­tra­le Schwäche des AMEOS-Modells liegt für uns dar­in, dass es erneut auf Konkurrenz zu bestehen­den regio­na­len Strukturen setzt – mit der Gefahr wei­te­rer Doppelstrukturen und inef­fi­zi­en­tem Ressourceneinsatz.

Kurz gesagt:
Strategisch wirkt die OBK-Lösung plau­si­bler. Operativ wirkt AMEOS teil­wei­se robuster.

Wir stim­men heu­te für die OBK-Lösung, weil wir glau­ben, dass sie die grö­ße­re Chance bie­tet, die Gesundheitsversorgung in unse­rer Region im Sinne der aus unse­rer Sicht grund­sätz­lich sinn­vol­len Reform lang­fris­tig trag­fä­hig auf­zu­stel­len. Der Zug fährt bereits auf die­sem Gleis und wir wol­len ihn nicht mehr umlei­ten (weil für uns die Richtung stimmt).

Nicht weil wir glau­ben, alle Antworten zu ken­nen. Nicht weil wir glau­ben, dass die­ses Modell ohne Risiken ist.

Am Ende die­ses für alle Beteiligten auf­rei­ben­den Prozesses gilt unser Dank ins­be­son­de­re den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des MCB.

Sie haben über Monate unter enor­mem Druck gear­bei­tet und den­noch Versorgung sicher­ge­stellt. Das ver­dient gro­ßen Respekt.

Wir wün­schen uns, dass mit der heu­ti­gen Entscheidung end­lich wie­der Perspektive und Stabilität einkehren.

Mit Demut vor der Größe die­ser Entscheidung, mit Respekt vor ande­ren Auffassungen und mit der Hoffnung auf eine lang­fris­tig gute medi­zi­ni­sche Versorgung im Bodenseekreis stim­men wir für das OBK-Modell.

Vielen Dank.

Silvia Queri (Fraktionssprecherin Bündnis 90/Die Grünen)