Haushaltsrede 2026

Euro
Das liebe Geld

(hs, 29.01.2026)

Sehr geehr­te Frau Rist,
mei­ne Damen und Herren,

Tettnang manö­vriert sich noch­mals durch, Bund und Land ver­ta­gen ein seit Jahren schwe­len­des Problem, ohne eine Lösung auch nur ansatz­wei­se erken­nen zu lassen.

Die Haushaltslage spitzt sich immer wei­ter zu und es ist eine Milchmädchenrechnung, dass es so nicht wei­ter­ge­hen kann, wenn bei der Finanzausstattung der Kommunen nicht bald eine dau­er­haf­te, struk­tu­rel­le Verbesserung ein­tritt.
In den letz­ten Jahren schon mehr­fach wies der Plan des Ergebnishaushaltes ein nega­ti­ves Ergebnis aus, d.h., dass mit dem lau­fen­den Geschäft kei­ne Mittel erwirt­schaf­tet wer­den konn­ten, um wenigs­tens ei-nen Anteil an Investitionen zu finan­zie­ren. Meist war dann das tat­säch­li­che Ergebnis zwar bes­ser als der Plan, mit­un­ter aber immer noch nega­tiv. Und die Hoffnung dar­auf wird mit schär­fer kal­ku­lier­tem Haushalt von Jahr zu Jahr geringer.

Investitionen müs­sen im Grunde durch Abbau von noch vor­han­de­ner Liquidität, über Zuschüsse und Fördermittel und größ­ten­teils Kredite finan­ziert werden.

In den letz­ten Jahren ging das noch gut, Liquidität war noch vor­han­den und Projekte wur­den von Jahr zu Jahr oder gar auf die ganz lan­ge Bank gescho­ben, wenn nicht ganz abgeblasen.

Jetzt hat der Bund ein Sonder“vermögen“ auf­ge­legt – eigent­lich eine per­ver­se Bezeichnung für eine gigan­ti­sche Schuldenmasse – und Baden-Württemberg wird nicht müde, dar­auf hin­zu­wei­sen, dass kein ande­res Land in der Republik einen höhe­ren Anteil an die Kommunen wei­ter­reicht, als Baden-Württemberg.

Zwar wird bei die­sen Lobpreisungen nicht ver­schwie­gen, dass damit das struk­tu­rel­le Problem nicht gelöst wird, man kommt aber immer noch nicht ins Handeln.

Im Grunde schiebt man einen Bus, des­sen Tank leer ist und des­sen Busunternehmen kein Geld zum Tanken hat, ein oder zwei Haltestellen wei­ter, um dann erken­nen zu müs­sen, dass immer noch kein Geld zum Betanken vor­han­den ist.
Im Gegenteil, in eini­gen Jahren müs­sen die Kommunen neben den wach­sen­den Darlehensverpflichtungen auch noch die Abschreibungen der Investitionen erwirt­schaf­ten, die sie sich auf­grund der eige­nen Finanzkraft eigent­lich gar nicht hät­ten leis­ten können.

An kei­ner Stelle in Bund und Land kön­nen wir Diskussionen über kon­kre­te Vorschläge für eine struk­tu­rel­le Verbesserung der Finanzausstattung der Kommunen wahr­neh­men. Eine Möglichkeit wäre z.B., den Kommunen 1 % mehr aus dem Mehrwertsteueraufkommen zukom­men zu lassen.

Stattdessen fehlt sogar im Verhältnis zwi­schen Bund und Kommunen nach wie vor die Konnexität, d.h. dass der Bund den Kommunen auch die not­wen­di­gen Finanzmittel zur Verfügung stel­len muss, wenn er ihnen wei­te­re Aufgaben auferlegt.

Rechtsanspruch der Betreuung von unter Dreijährigen, Verschiebung von Stichtagen bei der Aufnahme in die Schulen, Ganztagesbetreuung im Grundschulbereich sind nicht hin­rei­chend gegen­fi­nan­ziert und belas­ten die Kommunen seit Jahren über Gebühr.

Bei der Übertragung von Aufgaben durch das Land sind die Kommunen gehal­ten, die Konnexität genau nach­zu­rech­nen und not­falls auch auf dem Rechtsweg durchzusetzen.

Aber es wäre zu kurz gesprun­gen, wenn man die Finanznot der Kommunen nur der Übertragung von Aufgaben ohne ent­spre­chen­de Fi-nanz­mit­tel zuschrei­ben würde.

Auch in Tettnang selbst gibt es aus unse­rer Sicht Versäumnisse, die da-zu bei­getra­gen haben:

  • Schon wäh­rend der Finanzkriese 2009 hat unse­re Fraktion die Frage gestellt, ob sich unse­re Kommune auf Dauer zwei Freibäder leis­ten kann. Die „Privatisierung“ eines der Bäder und die Gründung des Bädlesvereines hat zwar zu einer Entlastung bei­getra­gen, trotz­dem ist Jahr für Jahr für die Stadt ein Abmangel zu tra­gen gewe­sen, der sich in 10 Jahren auf über eine Million sum­mier­te. Beim letz­ten Bericht über die Bäder muss­te allein eine über­plan­mä­ßi­ge Ausgabe von 40.000 € abge­seg­net werden.
  • Bei jeder Tariferhöhung im ÖPNV for­der­te unse­re Fraktion stets ver­geb­lich auch eine Angleichung der Parkscheingebühren. Die Einnahmen aus die­sen sind ange­sichts von Inflation, stei­gen­den Personal- und Sachkosten von Jahr zu Jahr weni­ger wert.
    Anstatt unse­rem Antrag in Sachen Parkraumbewirtschaftung im Jahr 2022 statt­zu­ge­ben, wur­de das Mobilitätsgutachten beschlos­sen, das erst vier Jahre spä­ter vor­lie­gen wird und es wird wei­te­re Zeit ins Land gehen, bis dar­aus Maßnahmen beschlos­sen, umge­setzt und wirk­sam werden.
  • Auch haben wir schon 2009 die Notwendigkeit eines Rathauses mit fes­tem Personal in Langnau hin­ter­fragt. Angesichts der Verbesserung des ÖPNV und der fort­schrei­ten­den Digitalisierung wird aber erst jetzt im Rahmen des Haushaltskonsolidierungsverfahrens geprüft, ob die Stadt noch heu­te die Eingliederungsvereinbarung zu 100 % erfül­len muss oder ob man davon abwei­chen darf und ande­re Lösungen fin­den kann.
  • Das Versprechen des Landes im Rahmen der Neuordnung der Grundsteuer, die­se Reform wer­de auf­kom­mens­neu­tral sein, war gegen­über den Kommunen eine Zumutung. Für das Grundsteuergesetz sind nicht die Kommunen zustän­dig. Die Reform und ihre Umsetzung haben aber bei Ihnen nicht nur Arbeitsaufwand und ‑zeit und damit Personalkosten ver­ur­sacht. Aufgrund der höchst­rich­ter­lich fest­ge­stell­ten Verfassungswidrigkeit des alten Gesetzes haben vie­le Kommunen wie Tettnang die Grundsteuerhebesätze nicht mehr ange­passt. Hier war das 2010 das letz­te Mal der Fall.
    Zu Beginn von 2025 hät­te der Grundsteuerhebesatz in Tettnang den Wert von 267 Punkten betra­gen müs­sen, um wert­mä­ßig das Niveau von 2010 unter Berücksichtigung der zwi­schen­zeit­li­chen Inflation zu errei­chen.
    Es sei als Vergleich die Mehrwertsteuer erwähnt: Aufgrund der Inflation steigt das Mehrwertsteueraufkommen von Jahr zu Jahr, ohne dass hier­über ein Wort ver­lo­ren wür­de.
    Unsere Fraktion hat 2025, als das Land den soge­nann­ten Korridor zur Aufkommensneutralität um fünf Punkte erhöht hat, bean­tragt, die­se Erhöhung um 5 Punkte mit­zu­ge­hen und anstatt eines Hebesatzes von 200 einen sol­chen von 205 zu beschlie­ßen, Das hät­te Mehreinnahmen von rund 80.000 € bedeu­tet. Auch das wur­de abge­lehnt und wie sich mitt­ler­wei­le her­aus­ge­stellt hat, hät­te sogar erst ein Hebesatz von 215 genügt, um die Aufkommensneutralität zu errei­chen.
    Der jetzt von der Verwaltung vor­ge­schla­ge­ne Hebesatz von 247 reicht nach wie vor nicht aus, um mit den Einnahmen dar­aus das Gleiche finan­zie­ren zu kön­nen wie 2010.
    Man kann schon sagen, dass einen stei­gen­de Benzinkosten nicht inter­es­sie­ren, wenn man stets für 50 € tankt. Man darf sich dann aber auch nicht wun­dern, wenn man dafür von Jahr zu Jahr weni­ger Benzin bekommt.
  • Im ver­gan­ge­nen Jahr haben wir in Tettnang eine soge­nann­te Haushaltskonsolidierung ein­ge­lei­tet. Das war sicher nicht falsch, aber Haushaltsdisziplin ist nicht die Frage eines geson­der­ten Verfahrens, son­dern ohne­hin ste­ti­ge Aufgabe. Und ich weh­re mich gegen den Eindruck, man habe zuvor unnö­tig Geld aus­ge­ge­ben und kön­ne das nun per Haushaltskonsolidierung ein­fach bereini-gen.
  • Und wir mei­nen auch, dass wir Haushaltsdisziplin noch bes­ser kön­nen. Vertrauen in unse­re Einrichtungen, die auch in der Vergangenheit von sich aus ihre Gebühren betrach­tet und mit denen in Nachbarkommunen ver­gli­chen haben, um uns Erhöhungen vor­zu­schla­gen, das macht mehr Sinn, als dass der Gemeinderat sich in Klein-Klein ver­liert. Die Erhöhung der Gebühren der Stadtbücherei hat noch nicht ein­mal das gebracht, was der ein­wö­chi­ge Wegfall der Parkgebühren über Weihnachten bis Dreikönig gekos­tet hat. Hier soll­ten wir im Rat bei Konsolidierungsmaßnahmen das Auge und die Priorität mehr auf Bereiche rich­ten, die auch vom Volumen her wirk­lich etwas bringen.
  • Auch soll­ten wir uns davor hüten, die Versäumnisse von Bund und Land bei der Finanzausstattung der Kommunen dadurch aus­zu­glei­chen zu ver­su­chen, dass wir vor Ort alles mög­li­che strei-chen.
    Natürlich kön­nen wir bei­de Freibäder schlie­ßen, kön­nen die städ-tische Musikschule abschaf­fen, die Tettnangerinnen und Tettnan-ger in die Büchereien von Nachbargemeinden schi­cken und die Bücherei zuma­chen, Montfort- und Bähnlesfest strei­chen, um Bauhofkosten zu spa­ren und so wei­ter und so fort.
    Aber: Wollen wir so leben? Was für ein Klima ent­steht dann in un-serer Gesellschaft und wel­chen poli­ti­schen Kräften dient das?
  • Unsere Fraktion hat die­ses Jahr kei­ne eige­nen Anträge zum Haushalt gestellt, son­dern folgt dem Vorschlag der Verwaltung.
  • Hinsichtlich Parkgebühren sehen wir wenig Sinn, noch vor Vorlie-gen des Mobilitätskonzeptes die längst not­wen­di­ge Erhöhung zu beantragen.
  • Das Gleiche gilt in Sachen Rathaus Langnau. Hier ist die hof­fent-lich zügi­ge Abarbeitung des erteil­ten Prüfungsauftrages abzuwar-ten.
  • Bei der Grundsteuer hal­ten wir die schritt­wei­se Anpassung für den rich­ti­gen Weg und stim­men dem Vorschlag mit 247 Punkten zu, auch wenn damit die für den Wertausgleich not­wen­di­gen 267 Punkte noch nicht erreicht sind.
    Und die­se Anpassung der Grundsteuer führt nicht dazu, dass Geld anschlie­ßend „ver­prasst“ wird, wie das in die­sem Gremium schon ein­mal zu Steuererhöhungen gesagt wur­de. Wir finan­zie­ren damit z.B. den Bau der neu­en Sporthalle, einer künf­ti­gen Erweiterung des Feuerwehrhauses, der Löhne und Gehälter unse­rer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Rathaus, in den Kindergärten, dem Bauhof usw.
  • Beim Haushaltsansatz der Gewerbesteuer mit wie­der 19,5 Mill. haben wir Bauschmerzen, nach­dem die­se im ver­gan­ge­nen Jahr auf 17,5 Mill. gesun­ken sind. Wir hof­fen, dass die Prognose hier bes­ser ist, als im ver­gan­ge­nen Jahr bei der Grundsteuer und die 19,5 Mill. auch tat­säch­lich erreicht wer­den können.
  • Den vor­ge­schla­ge­nen Personalkostendeckel tra­gen wir für 2026 als einen Versuch mit, der im lau­fen­den Haushaltsjahr genau zu beob­ach­ten und zu bewer­ten ist.
  • Hinsichtlich des bar­rie­re­frei­en Ausbaus der Bushaltestellen hal­ten wir den letz­tes Jahr gefass­ten Beschluss, die­sen nicht wei­ter fort­zu­set­zen, für rechts­wid­rig, sehen uns dabei durch eine Stellungnahme der Rechtsaufsicht gestützt und das hät­te eben­so zu einem Widerspruch gegen den Beschluss füh­ren müs­sen, wie bei dem Beschluss auf Abschaffung des Rathauses in Langnau. In 2026 steht nur eine Haltestelle noch aus dem Jahr 2025 zum ent­spre­chen­den Ausbau im Haushalt. Sollte im nächs­ten Jahr gar kei­ne Maßnahme berück­sich­tigt wer­den, wer­den wir uns hier­ge­gen mit allen mög­li­chen Mitteln zur Wehr set­zen.
    Die Haushaltssituation auf dem Rücken der Benutzerinnen und Benutzer des ÖPNV aus­zu­tra­gen, hal­ten wir für den fal­schen Weg.

Frau Rist, mei­ne Damen und Herren,
zunächst dan­ken wir allen, die mit gro­ßem Aufwand an der Aufstellung des Entwurfs des Haushaltsplans 2026 gear­bei­tet haben, allen vor­an unse­rer Kämmerin Claudia Schubert mit ihrem Team, aber auch dem Arbeitskreis für Steuerung und Finanzen.

Und wir dan­ken allen, die im Laufe des Haushaltsjahres die Finanzen der Stadt behan­deln wir ihren eige­nen Geldbeutel, auf Einhaltung des Planes ach­ten, spa­ren, wo das mög­lich ist.

Und die Hoffnung, dass Bund und Land end­lich in die Gänge kom­men, stirbt zuletzt. Anstelle eines Sonder“vermögen“ muss eine dau­er­haf­te struk­tu­rel­le Verbesserung der Finanzausstattung der Kommunen grei­fen, ehe eine nach der ande­ren kei­nen geneh­mi­gungs­fä­hi­gen Haushalt mehr vor­le­gen kann.

Sonst wer­den uns auch die Folgekosten für die Versäumnisse in Sachen Klimaschutz, des­sen Bekämpfung aus Finanznot gescho­ben wird, ein­ho­len. Schon jetzt kos­ten uns Starkregenereignisse, Klimaveränderungen und ande­res mehr viel Geld. Versicherungsprämien für Risiken stei­gen, wenn sie über­haupt noch ver­si­chert wer­den können. 

itze­wel­len machen sich nicht nur in der Landwirtschaft bemerk­bar, son­dern auch bei den Kosten im Gesundheitswesen. Energie- und Klimawende sind kei­ne Ideologien, son­dern Anforderungen aus wis­sen­schaft­li­chen Erkenntnissen.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit und Geduld.

Hans Schöpf
Sprecher für die
Stadtratsfraktion Tettnang von Bündnis 90/Die Grünen

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