Eine Lesung über Cem Özdemir mit Peter Henkel und Johanna Henkel-Waidhofer
Über 60 Menschen sind am 23. Januar in die Linzgau-Buchhandlung in Salem gekommen, um Peter Henkel und Johanna Henkel-Waidhofer bei der Vorstellung ihrer Biografie über Cem Özdemir zu hören. Sie erlebten einen Abend, der weit über eine klassische Buchpräsentation hinausging.
Obwohl es um eine Lebensgeschichte ging, begann die Lesung nicht chronologisch. Stattdessen nahmen die Autoren aktuelle Umfragewerte in den Blick. Johanna Henkel-Waidhofer empfahl dem Publikum, selbst einen Blick auf die Webseite des SWR zu werfen. Auffällig sei, dass Özdemir bei der Direktwahlfrage deutlich vorne liege. Auf dem Land wie in der Stadt, bei Jüngeren wie Älteren, unabhängig vom Bildungsgrad und sogar unter CDU-Anhängern.
Gleich zu Beginn stellten die Autoren eine mediale Falschbehauptung richtig. Das Buch sei weder für Cem Özdemir noch für die Grünen geschrieben worden, betonte Henkel-Waidhofer. Die Biografie ist Teil einer politischen Reihe des Bonifatius Verlags, in der Persönlichkeiten aus unterschiedlichen politischen Lagern vorgestellt werden. Ziel sei es gewesen, sich Özdemir über Gespräche mit Wegbegleiterinnen und Wegbegleitern zu nähern. Respektvoll, aber ausdrücklich nicht unkritisch. Der Wunsch des Verlags, das Manuskript vor der Drucklegung Cem Özdemir zur Lektüre vorzulegen, wurde erfüllt.
In der Lesung spannten die Autoren den Bogen von Özdemirs Schulzeit in Bad Urach über politische Höhen und Tiefen bis zu seiner Zeit als Bundeslandwirtschaftsminister. Parallel dazu wurde deutlich, wie eng seine Biografie mit der jüngeren deutschen Zeitgeschichte verknüpft ist. An Özdemirs Lebensweg lassen sich zentrale gesellschaftliche Fragen ablesen: Migration und Integration, Bildungsgerechtigkeit und der Wandel politischer Kultur.

Dabei scheuten Henkel und Henkel-Waidhofer kritische Punkte nicht. Peter Henkel hinterfragte etwa Özdemirs Positionen in der Migrationspolitik und zitierte Aussagen, die deutlich vom grünen Programm abweichen und den Schutzgedanken sehr eng auslegen.
Mit sichtbarer Freude und als eingespieltes Team erzählten die beiden Journalisten Anekdoten. Etwa von Özdemirs Rede zum Jubiläum der Energiewende-Pioniere der EWS Schönau, die er als Symbol basisnaher Demokratie bezeichnete. Oder von seiner engen Freundschaft mit dem Fußballtrainer Christoph Daum, die erst nach dessen Tod öffentlich wurde. Auch Özdemirs Leidenschaft für den VfB Stuttgart kam zur Sprache. Sein Platz im Stadion sei nie die VIP-Loge, sondern die Untertürkheimer Kurve.
Der private Cem Özdemir kam ebenfalls zur Sprache, ohne ins Private abzurutschen. Als Brückenbauer zeigt er sich auch hier. Seine beiden Kinder wachsen in einem interreligiösen Umfeld auf, in dem muslimische und christliche Feste selbstverständlich gefeiert werden. Auch in jüdischen Gemeinden ist er ein gern gesehener Gast.
In der Diskussion reicht die Nachfragen aus dem Publikum von Wohnungsbaupolitik bis hin zu Fragen von Verteidigung und Sicherheitspolitik. Martin Hahn berichtete bewegend von der spürbar verschärften Bedrohungslage für Politiker bei hitzigen Terminen mit Landwirten im Jahr 2024.
So wurde der Lesungsabend selbst zu dem, was der Titel des Buches verspricht: ein Brückenschlag zwischen politischen Lagern, kulturellen Zugehörigkeiten und persönlichen Erfahrungswelten.
Peter Henkel und Johanna Henkel-Waidhofer, beide mit jahrzehntelanger Erfahrung im politischen Journalismus, überzeugten mit Präzision und erzählerischem Gespür. Ihr Buch ist keine Gefälligkeitsbiografie, sondern ein analytisches Stück Zeitgeschichte. Und zugleich eine Einladung, Cem Özdemir neu zu entdecken: als Politiker, als Grenzgänger, als Brückenbauer.
Am Ende des Abends berichteten die Autoren von einem dreistündigen Gespräch mit Özdemir, nachdem er das Buch gelesen hatte. Souverän, offen, ohne Abwehr. Auf dem Heimweg, so erzählte Johanna Henkel-Waidhofer, habe sie ihren Mann angerufen und gesagt: Dieser Mann hat das Format zum Ministerpräsidenten.
Kauf lokal! Das Buch ist bei der Linzgau-Buchhandlung Salem vorrätig. Anruf genügt: 07553 8585.