Große Herausforderungen
(hs, 03.04.2025) In seiner gestrigen Sitzung hat der Technische Ausschuss der Stadt Tettnang dem Gemeinderat per Beschluss empfohlen, dem Klimaschutzkonzept zuzustimmen und der Verwaltung aufzugeben, die darin enthaltenen Maßnahmen zur Umsetzung vorzubereiten.
Hier die Wortmeldung der Grünen-Fraktion zu diesem Tagesordnungspunkt:
Frau Kuhn, zunächst seitens unserer Fraktion vielen Dank für die Erstellung des Klimaschutzkonzeptes, das uns mit den Unterlagen zur heutigen Sitzung erstmals in voller Länge vorliegt. Es ist ein sehr umfangreiches Werk geworden.
Das Pariser Klimaabkommen, dem sich auch Deutschland angeschlossen hat, datiert von 2015, ist also schon zehn Jahre alt.
Dort wurde vereinbart, dass die Erderwärmung deutlich unter 2° C bleiben solle, angestrebt werden soll eine Erwärmung von möglichst nicht mehr als 1,5°C. Das muss übrigens im Klimaschutzkonzept teilweise noch korrigiert werden, es findet sich an manchen Stellen immer noch der Wert von 2°C als Ziel.
Tettnang hat sich zwar mit dem kommenden Nahwärmenetz und seiner PV-Strategie auf den Weg gemacht. Welche Herausforderung jedoch das Ziel der Klimaneutralität bis 2040 bedeutet, wird mit dem Klimaschutzkonzept mehr als deutlich.
Wir halten daher ein solches Konzept für sinnvoll, notwendig und einen weiteren Schritt in die richtige Richtung, dem aber noch sehr viele und einschneidende Schritte folgen müssen.
Aus dem Konzept geht hervor, dass wir in Tettnang jährlich 5.000 t CO2 einsparen müssen, wenn wir das Ziel der Klimaneutralität 2040 erreichen wollen.
Im Jahr 2025 trägt die Stadt zu diesen 5.000 t zunächst etwa 200 t über die PV-Strategie bei. Fehlen aber noch 4.800 t!
Die Stadt selbst ist am Energieverbrauch lediglich mit 3 – 4 % beteiligt, der weitere Verbrauch entfällt auf Verkehr, Gewerbe, Wohnen usw. Das heißt, dass wir die gesamte Gesellschaft mit allen Bereichen mit-nehmen müssen.
Als tolles Beispiel, wie hier auch andere Akteure am gleichen Strang wie die Stadt ziehen, wollen wir die Inbetriebnahme erster Elektrobusse durch die Firma Strauss nennen.
Wenn 2026 oder 2027 die erste Stufe des Nahwärmenetztes umgesetzt ist, dann trägt dies zunächst etwa 600 t CO2-Einsparung bei. Es fehlen dann aber weitere 4.400 t, die eingespart werden müssen und Jahr für Jahr kommen weitere 5.000 t hinzu, während mögliche Handlungsfelder immer weniger werden.
Und wenn wir richtig gerechnet haben, dann schieben wir schon jetzt 25.000 t vor uns her, die wir schon abgebaut hätten müssen.
Das zeigt, dass wir nicht nur dringend „in die Gänge kommen“ müssen, wenn wir für Tettnang das Ziel der Klimaneutralität und der Begrenzung der Erderwärmung bis 2040 erreichen wollen, sondern dass wir auch deutlich an Tempo zulegen müssen, um unseren Beitrag dazu vollständig zu erbringen.
Einige Maßnahmen aus dem Konzept werden noch erheblich Zeit in Anspruch nehmen, so fangen die Arbeiten am Mobilitätskonzept gerade erst an, es liegen noch keine Ergebnisse vor, sind keine Maßnahmen umgesetzt.
Der Wärmeplan ist zwar in Arbeit, aber wenn er einst vorliegt, ist es zunächst ein „Plan“ und noch keine Maßnahme, die tatsächlich messbare Ergebnisse bringt.
Wir – und das heißt Stadt, Bürgerschaft und Gewerbe – müssen weitere Handlungsfelder erschließen und Maßnahmen Stück für Stück umsetzen. Und es ist uns allen klar, dass das mit erheblichen finanziellen Aufwendungen verbunden sein wird. Aber es kommt uns billiger Ursachen, für drohende Probleme zu beseitigen, als sehenden Auges die Probleme entstehen zu lassen, um deren Auswirkungen dann noch teurer beseitigen zu müssen.
Bei dem Klimaschutzkonzept und seiner Umsetzung dürfen wir jedoch nicht stehen bleiben. Das Ganze ist ein fortwährender Prozess. Weitere Handlungsfelder sind zu erschließen. So sehen wir in der Erkundung und Nutzung von Geothermie noch erhebliches Potential.
Gewünscht hätten wir uns, dass das Thema HVO-Kraftstoff als Übergangslösung für Fahrzeuge mit langer Nutzungsdauer schon Eingang in das Konzept gefunden hätte.
Wir wollen aber auch konstruktive Kritik üben.
Im Klimaschutzkonzept sind Tabellen und Berechnungen enthalten, die unserer Meinung nach nicht durchgängig auf dem gleichen Zahlenmaterial beruhen und verwirren. Für Tettnang werden unterschied-liche Werte des Gesamt-Energieverbrauchs angegeben und manche Prozentangabe passt nicht zu den Werten. Hier müsste unseres Erachtens nochmals nachgeprüft werden.
Das größte Versäumnis aber sehen wir nach wie vor im Fehlen von Zielwerten in einzelnen Bereichen oder für einzelne Maßnahmen. Es ist uns völlig bewusst, dass das nicht einfach ist und wären schon über grobe Schätzungen froh, die man im Laufe der Zeit verfeinern könnte. Aber nur mit Punkten und Potentialen sind wir nach wie vor im Blindflug unterwegs. Wir haben keine Ahnung, ob der von uns eingeschlagene Weg tatsächlich bis zum Ziel führt, oder ob wir nicht schon auf halber Strecke liegen bleiben. Nur mit konkreten Zielwerten ist über die Jahre eine wirkliche Kontrolle möglich, ein effektives Reagieren auf Versäumnisse oder auch Umsteuern bei Maßnahmen, bei welchen man unterwegs feststellt, dass sie nicht das bringen, was man von ihnen erwartet hat. Hier sehen wir unbedingt Ergänzungsbedarf hin-sichtlich des Konzepts.
Wir wollen nochmals allen, Gemeinderat, Verwaltung, aber auch der Bürgerschaft und dem Gewerbe in Erinnerung rufen,
ja wir haben uns alle auf den Weg gemacht, sei es aus Überzeugung, Verantwortung gegenüber künftigen Generationen oder auch ganz banal, weil uns wirtschaftliche Entwicklungen – Ukrainekrieg und Energie-krise seien erwähnt – dazu zwingen. Aber vor uns liegt eine enorme Aufgabe, die in ihrem Umfang von vielen noch nicht richtig wahr- oder ernst genug genommen wird.
Und was uns auch wichtig ist: Die Stadt muss alle möglichen Akteure einbinden, beteiligen, in die Verantwortung nehmen, muss moderieren und begleiten, Versäumnisse klar benennen und motivieren.
Bildquellen
- Tettnanger Klimaschutzkonzept: Stadt Tettnang, Felix Kästle