Unverständliche Haushaltsabstimmung
(hs, 29.01.2026) In seiner gestrigen Sitzung hat eine Mehrheit des Gemeinderats bei der Abstimmung über den Hebesatz der Grundsteuer B eine Anpassung in drei Abstimmungsrunden abgelehnt, wodurch es zunächst beim alten Satz von 200 Punkten bleibt, obwohl alle eine Anpassung nach oben wollten.
Hintergrund: Die Grundsteuer war bislang eine feste Steuer, deren Aufkommen nicht durch Inflation automatisch gestiegen ist. In Tettnang wurde der Hebesatz unter anderem wegen eines höchstrichterlichen Urteils, mit dem das alte Grundsteuergesetz für verfassungswidrig erklärt wurde, seit 2010 nicht mehr angepasst. Das bedeutete, dass mit den rund 3,3 Mill. € Grundsteueraufkommen von Jahr zu Jahr weniger finanziert werden konnte. Während Sach- und Personalkosten ständig gestiegen sind, blieb dieses Steueraufkommen stets etwa gleich hoch.
2025 griff dann die Grundsteuerreform und es musste ein neuer Hebesatz beschlossen werden, mit dem allerdings – so ein Versprechen des Landes an die Steuerzahler:innen – nicht über die Aufkommensneutralität hinausgegangen werden sollte. Das bedeutete, dass Tettnang nicht mehr Grundsteuer einnehmen sollte, als 2010. Die Stadtverwaltung prognostizierte, dass dafür ein Hebesatz von 200 ausreichen werde. Die Grünenfraktion beantragte 205.
Um unter Berücksichtigung der Inflation ein Grundsteuer-Aufkommen zu erzielen, das dem Wert, nicht dem Betrag, von 2010 entsprochen hätte, hätte man einen Hebesatz von 267 beschließen müssen. Mit einem Aufkommen von damit 4,1 Mill. € hätte man wieder das gleiche finanzieren können, wie vor über 15 Jahren mit 3,3 Mill.
Die Prognose mit 200 hat sich zunächst als falsch herausgestellt, denn anstatt 3,3 Mill. wurden nur etwas mehr als 3,01 Mill. eingenommen.
Nun stand in der gestrigen Sitzung erneut der Hebesatz für die Grundsteuer B zur Debatte. Die Stadtverwaltung schlug 247 vor, was zu Einnahmen von 3.8 Mill. geführt hätte und damit wertmäßig immer noch unter den 267 geblieben wäre.
Seitens der CDU-Fraktion wurde ein Hebesatz von 230 beantragt, also eine Anhebung um 30 Punkte.
Die Fraktionsgemeinschaft von Freien Wählern und FDP beantragte 215, also eine Anhebung um 15 Punkte, was dem Betrag von 2010, aber nicht dem Wert von 2010 entsprochen hätte.
Grüne und SPD waren bereit, dem Vorschlag der Verwaltung zu folgen.
Die erste Abstimmung über 215 Punkte, dem Antrag, der vom Vorschlag der Verwaltung am weitesten entfernt war, erbrachte keine Mehrheit: abgelehnt.
Die zweite Abstimmung über 230 Punkte folgte. Dem hätten eigentlich auch diejenigen folgen müssen, deren Antrag auf 215 Punkte abgelehnt wurde und die einen noch höheren Hebesatz verhindern wollten, zustimmen müssen. Aber nein, der Antrag fand ebenfalls knapp keine Mehrheit: 13 x ja, 14 x nein, 1 x Enthaltung: abgelehnt.
Dann die dritte Abstimmung über den Verwaltungsvorschlag mit 247 Punkten. Nur 9‑mal Zustimmung, 17-mal nein, eine Enthaltung, damit abgelehnt.
Ergebnis: Es wurde überhaupt keine Anpassung beschlossen, es bleibt bei den 200 Punkten vom letzten Jahr und damit fehlen der Stadt mehrere Hunderttausend Euro im Haushalt. Gegenüber dem FW/FDP-Antrag fehlen 290.000 €, gegenüber dem CDU-Antrag rund 530.000 € und gegenüber dem Verwaltungsvorschlag rund 790.000 €. Und das in einer Haushaltssituation, in der es auf jeden Euro ankommt.
Mit diesem Beschluss wurden alle Anstrengungen zu einer Haushaltskonsolidierung der letzten Monate zunichte gemacht.
Die Verwaltung sucht nun nach einer Lösung aus diesem vom Gemeinderat verursachten Haushaltsdilemma.
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